Ich wollte es als Mama anders machen – und musste erst mich selbst verstehen lernen

Über eigene Prägungen, große Gefühle und die Frage, was unsere Kinder in uns berühren.

Ich wollte als Mama so sehr alles richtig machen. Und dann kamen meine Kinder auf die Welt – und plötzlich war ich mit Gefühlen konfrontiert, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie in mir stecken.

Ich wollte meine Kinder bedürfnisorientiert begleiten, ihre Gefühle ernst nehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Ich wollte, dass sie mit allem, was sie mitbringen, willkommen sind. Mit ihrer Freude, ihrer Wut, ihrer Trauer und all den Gefühlen, für die es manchmal noch gar keine Worte gibt.

Ich hatte mich schon lange mit gewaltfreier Kommunikation und bedürfnisorientierter Erziehung beschäftigt. Ich las Bücher von Nora Imlau, Nicola Schmidt und anderen Menschen, die mich auf meinem Weg inspirierten. Ich wollte verstehen, was Kinder brauchen, wie Beziehung gelingt und wie wir unsere Kinder begleiten können, ohne sie in eine Form pressen zu müssen.

Ich wollte es anders machen. Bewusster. Liebevoller.

Und dann kam das Schreien meines Babys.

Wenn die Gefühle unserer Kinder uns selbst an unsere Grenzen bringen

Das Schreien meines Babys fühlte sich teilweise für mich körperlich kaum aushaltbar.

Ich wollte, dass es meinem Kind gut ging. Ich wollte helfen, beruhigen, alles tun, damit das Schreien aufhörte. Ich wollte für mein Kind da sein und ihm die Sicherheit geben, die es brauchte.

Und gleichzeitig war ich selbst so aufgewühlt, dass es mir schwerfiel, ruhig und präsent zu bleiben.

Ich verstand damals nicht wirklich, was in mir passierte. Ich wusste nur, dass ich unbedingt wollte, dass mein Baby aufhörte zu weinen. Dass ich alles versuchte, damit es ihm gut ging. Und dass ich trotzdem manchmal selbst kaum noch wusste, wohin mit mir.

Heute kann ich besser verstehen, dass ich in diesen Momenten nicht nur auf das Schreien meines Babys reagierte. Es berührte auch etwas in mir, das viel älter war.

Etwas, das mit meiner eigenen Geschichte zu tun hatte.

Was wir als Kinder über unsere Gefühle lernen

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der große Gefühle wenig Raum hatten. Wut und Trauer durfte ich als Kind nicht einfach so zeigen. Sätze wie „Stell dich nicht so an“ vermittelten mir, dass ich mich besser zusammenreißen sollte.

Also lernte ich, Gefühle zurückzuhalten. Weiterzumachen. Zu funktionieren.

Und irgendwann wird aus etwas, das wir als Kinder tun, um mit unserer Welt zurechtzukommen, eine Strategie, die uns auch als Erwachsene begleitet.

Wir lernen, uns anzupassen. Wir lernen, stark zu sein, uns zusammenzureißen oder möglichst wenig Schwierigkeiten zu machen. Wir finden Wege, mit dem umzugehen, was für uns als Kind zu viel war.

Diese Strategien sind nicht einfach falsch. Sie haben uns einmal geholfen. Sie haben uns dabei unterstützt, mit Situationen zurechtzukommen, für die wir als Kinder noch nicht die Möglichkeiten hatten, die wir heute als Erwachsene haben.

Doch manchmal merken wir erst viel später, dass uns genau diese Strategien auch im Weg stehen können.

Ich hatte mir ein Leben aufgebaut, das gut zu meinen Schutzstrategien passte. Ich wusste, wie ich zurechtkam, wie ich funktionierte und wie ich schwierige Gefühle irgendwie im Griff behielt.

Bis meine Kinder kamen.

Denn Kinder lassen sich nicht einfach in unsere Vorstellungen einpassen. Sie haben ihre eigenen Bedürfnisse, ihre eigene Persönlichkeit und ihre eigenen Gefühle. Sie weinen, protestieren, werden wütend, suchen Nähe und brauchen uns gerade dann, wenn wir selbst vielleicht am wenigsten Kraft haben.

Und manchmal berühren sie dabei genau die Stellen in uns, die wir selbst lange nicht anschauen mussten.

Wenn sich plötzlich ein Kreislauf entwickelt

Wenn mein Baby weinte, geriet mein eigenes Nervensystem in Alarmbereitschaft. Ich war innerlich in Not und wollte vor allem, dass die Situation aufhörte.

Mein Kind brauchte jedoch gerade in diesem Moment Sicherheit und Beruhigung. Es konnte noch nicht verstehen, warum Mama angespannt war. Es konnte seine Gefühle nicht einfach abstellen. Es brauchte meine Nähe und meine Unterstützung, um sich wieder sicherer zu fühlen.

Und so konnte ein Kreislauf entstehen: Mein Kind weinte, ich geriet in Stress, mein Kind nahm meine Anspannung wahr und ließ sich nur schwer beruhigen. Dadurch stieg meine eigene Anspannung weiter.

Nicht, weil ich mein Kind nicht liebte. Nicht, weil ich keine gute Mama sein wollte. Sondern weil ich selbst gerade überfordert war.

Diese Erkenntnis war für mich unglaublich wichtig.

Denn sie hat meinen Blick verändert. Weg von der Frage, warum ich es nicht schaffe, ruhig zu bleiben. Hin zu der Frage, was da eigentlich in mir passiert.

Was genau berührt mich gerade so sehr? Warum fühlt sich diese Situation für mich so bedrohlich oder unerträglich an? Was brauche ich, um wieder ein bisschen mehr bei mir anzukommen?

Und wie kann ich meinem Kind begegnen, wenn ich selbst gerade an meine Grenzen komme?

Wir geben oft weiter, was wir selbst erfahren haben

Auch meine Eltern waren geprägt von ihren eigenen Erfahrungen. Meine Großeltern hatten den Krieg erlebt. Diese Zeit und ihre Folgen haben Familien auf unterschiedliche Weise geprägt – auch darin, wie Nähe, Gefühle und Bedürfnisse gelebt werden konnten.

So werden manchmal Dinge über Generationen weitergegeben, ohne dass jemand das bewusst möchte.

Nicht aus mangelnder Liebe. Sondern auch, weil Menschen oft selbst nie erfahren haben, wie sie mit großen Gefühlen umgehen können, wie sie Trost finden oder wie sie sich in schwierigen Momenten sicher fühlen.

Was wir nicht anders kennengelernt haben, können wir nicht immer einfach anders machen.

Das bedeutet nicht, dass wir unseren Eltern die Schuld geben müssen. Es bedeutet auch nicht, dass jede schwierige Kindheit automatisch ein Trauma hinterlässt oder jede belastende Situation traumatisierend ist.

Aber es bedeutet, dass es sich lohnen kann, genauer hinzuschauen.

Welche Erfahrungen haben mich geprägt? Was habe ich über Gefühle, Nähe und meine eigenen Bedürfnisse gelernt? Welche Verhaltensweisen haben mir früher geholfen, und welche davon begleiten mich heute noch?

Und was davon möchte ich vielleicht an meine Kinder weitergeben – und was darf bei mir enden?

Für mich waren das keine Fragen, die ich von heute auf morgen beantworten konnte. Es war ein Weg, auf dem ich mich selbst immer besser kennengelernt habe.

Mein Weg zu Trauma, Nervensystem und Selbstregulation

Als Sonderpädagogin habe ich mich schon früh mit der Frage beschäftigt, was hinter dem Verhalten von Kindern steckt.

Ich habe über viele Jahre Kinder begleitet, deren emotionale und soziale Entwicklung besondere Unterstützung brauchte. Dabei hat mich immer wieder beschäftigt, was diese Kinder wirklich brauchen und wie wir ihnen helfen können, sich sicherer zu fühlen und neue Erfahrungen zu machen.

Ich wollte nicht nur auf das schauen, was ein Kind tut. Ich wollte verstehen, was dahintersteckt.

Mit meinen eigenen Kindern wurde diese Frage plötzlich sehr persönlich.

Ich begann, mich intensiver mit meinen eigenen Prägungen, meinen Schutzstrategien und den Auswirkungen von Stress auf unser Nervensystem zu beschäftigen. Ich machte Fort- und Ausbildungen im Bereich Trauma und systemisches Familiencoaching und setzte mich immer mehr damit auseinander, wie wir uns selbst besser verstehen und in schwierigen Momenten unterstützen können.

Dabei ging es mir nicht nur darum, meine Kinder besser zu begleiten. Ich wollte auch mich selbst besser verstehen lernen.

Ich wollte nicht mehr ständig gegen meine eigenen Gefühle ankämpfen müssen. Ich wollte wahrnehmen können, was in mir los ist, ohne mich dafür zu verurteilen. Ich wollte lernen, mich selbst zu halten, wenn es schwierig wird.

Und ich wollte meinen Kindern etwas vorleben, das ich selbst erst nach und nach lernen durfte: Dass Gefühle da sein dürfen. Dass wir nicht perfekt sein müssen. Dass wir Fehler machen und uns trotzdem wieder begegnen können.

Es geht nicht darum, immer ruhig zu bleiben

Ich glaube, dass Wissen über Trauma und unser Nervensystem unglaublich viel verändern kann.

Gleichzeitig ist mir wichtig, nicht alles durch die Traumabrille zu betrachten. Nicht jeder Mensch ist traumatisiert. Nicht jedes schwierige Verhalten hat eine traumatische Ursache. Und keine Mama muss jede Reaktion bis in ihre Kindheit zurückverfolgen, um eine gute Mutter zu sein.

Aber wir dürfen neugierig werden.

Wir dürfen anfangen, uns selbst besser kennenzulernen. Wir dürfen verstehen, warum uns bestimmte Situationen besonders treffen und weshalb wir manchmal stärker reagieren, als wir es eigentlich möchten.

Und wir dürfen lernen, uns in diesen Momenten selbst zu unterstützen.

Selbstregulation bedeutet für mich nicht, immer gelassen zu sein oder unangenehme Gefühle wegzumachen. Es bedeutet vielmehr, wahrzunehmen, was gerade in mir passiert, und Schritt für Schritt einen Umgang damit zu finden.

Manchmal hilft es, kurz innezuhalten und bewusst auszuatmen. Manchmal brauchen wir Abstand, Bewegung, Ruhe oder einen Menschen, bei dem wir einfach sein dürfen. Und manchmal gelingt es uns erst im Nachhinein zu verstehen, was uns so aus der Bahn geworfen hat.

Auch das gehört dazu.

Es geht nicht darum, nie wieder getriggert zu sein. Es geht darum, uns selbst immer besser kennenzulernen und nach schwierigen Momenten wieder in Verbindung zu kommen – mit uns selbst und mit den Menschen, die uns wichtig sind.

Zurück zu dir

Heute weiß ich, dass ich mir selbst vieles geben darf, was ich früher gebraucht hätte.

Ich darf meine Gefühle ernst nehmen. Ich darf Bedürfnisse haben. Ich darf Grenzen setzen und lernen, mich selbst nicht ständig hintenanzustellen.

Und ich darf anerkennen, dass ich nicht alles richtig machen muss, um eine gute Mama zu sein.

Diese Erkenntnis hat für mich so viel verändert. Sie hat meinen Blick auf mich selbst, auf meine Kinder und auf die Menschen verändert, die ich beruflich begleite.

Und genau das ist auch ein wichtiger Teil dessen, was ich mit flowerful family weitergeben möchte.

Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr bei uns selbst ankommen. Dass wir unsere eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrnehmen, unsere Schutzstrategien verstehen und neue Möglichkeiten entdecken, mit uns selbst und unseren Familien in Verbindung zu sein.

Nicht, weil wir noch besser funktionieren müssen.

Sondern weil wir selbst wichtig sind.

Weil wir nicht erst dann Fürsorge verdienen, wenn alle anderen versorgt sind.

Und weil es manchmal genau dort leichter werden darf: bei uns selbst.

Vielleicht beginnt Veränderung nicht damit, dass wir versuchen, alles anders zu machen. Vielleicht beginnt sie damit, dass wir verstehen, warum manches für uns so schwierig ist – und lernen, uns selbst mit mehr Verständnis zu begegnen.

Das ist für mich ein Teil des Weges zurück zu uns selbst.

Und ich glaube, dass von dort aus auch in unseren Familien wieder mehr Leichtigkeit, Lebensfreude und Verbundenheit entstehen darf.

 

 

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